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Textprobe "Ignaz der Landstreicher"

Dann geschah alles sehr schnell: Dem Hund gelang es natürlich nicht, beiseite zu springen. So überfuhr Ignaz mit dem Vorderrad eine Pfote, dann streifte das eine Pedal die Flanke des bedauernswerten Tieres und, gewissermaßen als letzte Abschreckung, verpasste ihm Ignaz noch einen mittelmäßig starken Tritt in die Seite.

Das war dem armen Vieh zu viel. Winselnd verzog es sich ins Gebüsch am Rande des Weges.

Ignaz hatte bei diesem Manöver leicht an Geschwindigkeit verloren, daher trat er jetzt wieder voll in die Pedale. Nur noch ein paar hundert Meter trennten ihm vom rettenden Weg, der sich dann nur mehr einspurig die Drau hinab entlangzog.

Da hörte Ignaz plötzlich etwas, was seine Anspannung nur noch vergrößerte: Das Folgetonhorn des Polizeiautos ertönte. Zuerst schien es aus weiter Ferne zu kommen, doch rasch näherte sich das markerschütternde Signal. Der Schweiß begann ihm von der Stirn zu rinnen, sein Herz pochte wie ein wildgewordener Feldhäcksler.

"Eine utopische Erzählung mit viel Witz, Humor und prächtigen Einfällen. Aber auch lobenswerte sittliche und religiöse Denkanstöße enthält die Erzählung, die sich jeder Leser zu befolgen bemühen sollte. Meine Kritik: Mit dem Landstreicher liegt ein gutes Buch vor, der heutigen Unterhaltungsliteratur ein erwünschtes Gegengewicht. Mögen es nur recht viele Leser zu Hand nehmen!"

Oswald Sint, Kartitsch am 25. 01. 1987


"Ich habe das in einem klaren, aber dennoch eigenwillig-grotesken Stil geschriebene Buch mit Vergnügen, aber auch sehr nachdenklich gelesen. Es ist Ihnen damit ein guter, unserer Zeit angepasster Schelmenroman christlicher Prägung und voll moderner Symbolik gelungen. Ich gratuliere Ihnen. Ich wünsche dem Buch eine große Verbreitung!"

Hermann Kuprian, Völs am 2. März 1988


Buch vergriffen, Restbestände beim Autor! (10,00 €) 

"Ist Mathematik das Synonym für jene Zwänge, vor denen der Pubertierende kapituliert und "die Gedanken flüchtend ins Fahrzeug der Fantasie wirft?

Nein, ganz anders.

Ist Thieu der Teufel, der uns allzeit liebere Gott?

Nein, ganz anders.

Ist das Erwachen des Lebens zu Liebe, Lust und Leid ein Kalkofen, dessen Hitze sich das Baumaterial überlassen muss, soll es später allem Bauen Festigkeit geben?

Ja, ganz anders.

Ein ewig neues Drama der Realitätsverschiebungen. Barock. Modern.

Blassnig lesen heißt, Fragen gestellt zu bekommen, die man sofort mit Ja oder Nein beantworten möchte, um dem vom Autor geforderten Prozess des 'Entweder-Oder' ausweichen zu können.

Wer jung genug ist, oder es geblieben ist, wird sich vom Thema dieser Erzählung angzogen fühlen. Wer gewillt ist, die Lehrhaftigkeit einer mythischen Erzählweise, welche die Ängste exemplarisch bildhaft macht, hinzunehmen, der wird auch am Kleid des Themas Gefallen finden. Und das Material des Kleides für dieses Thema, die Sprache, wird den aufmerksamen Leser gefangen nehmen, weil es in seiner Plastizität selbst Verführung wird, sogar Entsetzen. Muss man sich vor ihm oder dem Autor fürchten? Wer dieses Buch gelesen hat, wird es wissen."

Dr. Josef Pedarnig

Buch vergriffen, Restbestände beim Autor! (10,00 €)

"Schon in der Eingangsgeschichte liegen allegorisch Autorität und Freiheit im Bett und wundern sich anderntags, wie sie zu diesem One-Night-Stand gekommen sind. Sie kommen drauf, dass sie gut zusammenpassen würden. Autorität und Freiheit könnten sogar als Lesben-Paar Furore machen und bei dieser Gelegenheit das eine oder andere verkrustete Erziehungsmodell aufbrechen.

Oswald Blassnig verwendet für seine Botschaften vor allem Miniaturen, Kalendergeschichten, allegorische Gespräche, Grotesken und kleinstädtische Girlanden. Seine Texte werden naturgemäß zuerst von einer starken Moral überwacht, die aber im Verlaufe der Erzählung so gedreht wird, dass es sich um Befreiungsstücke handelt, die dem kompakten Erlebnislehm der Provinz den entscheidenden Luftröhrenschnitt setzen.

Seine Texte in "Zusammenläuten" sind feine Abhandlungen über zu groß geratene Begriffe, liebevolle Kommentare zum aus den Fugen geratenen Provinztheater und schließlich humorvoll ausgeleuchtete Begegnungen mit den letzten Dingen. Kein Wunder, dass bei ihm der Tod eine Frau hat und diese vorschickt, damit die Begegnung nicht zu hart ausfällt."


Helmuth Schönauer | Öffentliches Bibliotheks- und Büchereiwesen |

Universitäts- und Landesbibliothek Tirol | Innrain 50 | 6020

Innsbruck | 2018

Helmuth.Schoenauer@uibk.ac.at<mailto:Helmuth.Schoenauer@uibk.ac.at

Buch vergriffen, Restbestände beim Autor! (10,00 €)


Textprobe "Wie ein stiller Löwe"

Stöhnend krallte sich das Gewitter um den Turm von Sankt Ulrich. Zornig rüttelte der Sturm an der alten, mit Rissen und Klüften durchzogenen Holztüre der Glockenstube, zerfranste die Verbenen am Wurftisch. Droben, in den gigantischen Windladen der Unholden heulte unentwegt die Orgel des Zyklons, ohne Unterlass. Laut und grölend einmal, dann wieder lauernd, hinterhältig, um wiederum mit ihrer ganzen Kraft das allerletzte, kleinste Felsenrohr zum Klagen zu bringen. Es war der Atem der Natur, dessen sich Thieu bemnächtigt hatte.

Matt und zerschlagen blickte Mario Sandra ins Gesicht. Sie hielt ihn noch immer umschlungen. Wie weggefegt war das Gewitter. Wie weggefegt das Glück, das er eben noch empfunden hatte. Wie wenn nichts stattgefunden hätte. Wie kann Glück schon stattfinden?

So schnell geht es, dachte Mario. So schnell ist alles vorbei. Er empfand keine Genugtuung mehr, keine Lust, keine Neugier. Er empfand nichts mehr. Die Sekunden des Glücks mündeten in die Ewigkeit des Nichts...

Textprobe aus "Zusammenläuten"

Bei der Riepler Schmiede gesellen sich zu den Glocken von Sankt Andrä glasig glänzende unter meiner Nase. Bis ich jetzt ein Taschentuch aus den Tiefen meiner - nein: ein flüchtiger Blick in die Runde. Kein Mensch in der Nähe. Also schleudere ich die winzigen Kritallglocken meines rechten Nasenflügels in die Schmiede, nicht ohne das linke derweil zuzuhalten, um die Fliehkraft zu maximieren. Dasselbe Geschäft nach links auf die Straße. Gelernt ist gelernt, urteile ich befriedigt über diese ungustiöse Sekretentladung.

Die Öffnung der Häuserzeile nach Süden bei der Folie bietet sich für ein abermaliges militärisches Schnäuzen an, aber schon beim Verwaltungsgebäude der Heimatzeitung läuten die nächsten Glocken. Zu allem Überfluss sind inzwischen vor und hinter mir Menschen auf demselben Weg zum Rorate. Nach mehrmaligem, ruckartigem Zurückpfeifen meiner gläsernen Nasenglocken läuten sie bei der Bäckerei nun nachdrücklich unmissverständlich und mischen sich in dramatischer Eintracht ins Geläute von Sankt Andrä: Wir läuten zusammen!

In zivilisierten Gesellschaften hat der Staat das Gewaltmonopol, und

damit möglichst viele Staatsbürger davon kosten können, gibt es in

manchen Staaten eine Wehrpflicht. Mit dieser zwangsweisen

Eingliederung in die Welt der Gewalt geraten viele sogenannte

Präsenzdiener in einen Konflikt. Im Schulbereich nämlich haben sie

das gewaltfreie Regeln von Konflikten gelernt, und jetzt sollen sie

Hemmungen abbauen, wenn es ums Losschlagen geht.

Oswald Blassnig erzählt aus der Ich-Perspektive von diesem Dilemma.

Verschärft wird sein Lehrstück noch dadurch, dass es sich beim

Erzähler um einen spät einberufenen Lehrer handelt, der bislang

pubertierende Osttiroler hat zähmen müssen und jetzt als

Mittdreißiger selbst über Nacht soldatisch wild gemacht werden soll.

Eine schizophrene Situation zwischen allen Stühlen!

Der Ich-Erzähler ist zwar in seiner Erregung ein wenig abgekühlt,

immerhin spielen die Originalereignisse in den 1980er Jahren, die Wut

über den Blödsinn, die Arroganz, die Selbstüberschätzung und die

geistige Verwahrlosung der kommandierenden Protagonisten ist aber

ungebrochen. Für seine Reminiszenzen wählt der Erzähler eine kluge

Form, er wendet sich höflich mit Verlaub an Herrn O. Hinter dem O

kann der Leser feinnervig einen Oberen vermuten, man kann ihn aber

auch beim Wort nehmen: Oasch!


Über die subjektiven Eindrücke und Niederschläge hinausgehend

entwirft der Erzähler eine scharfe Analyse über jenes Gebilde, das er

das Andere Tirol nennt. Allein, dass es gleich zwei Kasernen in Lienz

braucht, um diese Heimatenklave niederzuhalten, stimmt ihn bedenklich.

"Der Andere Tiroler ist mit Vorliebe ein Angepasster, wodurch seine

Fantasien und Fähigkeiten sich im Mittelmaß festklammern, dort

duckend ein Leben lang verharren, um nicht Gefahr zu laufen, vom

allzu grellen Blickfeld eines öffentlichen Scheinwerfers ins Visier

genommen zu werden." (37)

Aus der Abrechnung mit dem System "Herr O" wird schließlich eine

feine Analyse der geistigen Zustände des Anderen Tirol während der

letzten vierzig Jahre. Vieles hat einfach damit zu tun, dass der

Meter in Osttirol nur achtzig Zentimeter hat. Aber das ganze System,

ob schreiend oder dozierend, lässt sich nur aushalten, wenn die

Angeschrienen gesund sind. "Und die Struktur im Anderen Tirol ist

gesund!" - Eine aufregende Geschichte Osttiroler Aufklärung.


Helmuth Schönauer | Öffentliches Bibliotheks- und Büchereiwesen |

Universitäts- und Landesbibliothek Tirol | Innrain 50 | 6020

Innsbruck | 2018

Helmuth.Schoenauer@uibk.ac.at<mailto:Helmuth.Schoenauer@uibk.ac.at>

(21,50 €)


Textprobe aus "Mit Verlaub Herr O"

Und wir tippeln noch immer um die Munitionsbunker. Die Ersten außen vor haben abgeraucht und begeben sich zum Hauptgebäude. Niemand brüllt: "Das Ganze halt!" Also tippelt das Ganze noch. Das heißt, das Ganze ist nur mehr ein Achtel. Oder Sechzehntel. Ein kleines, dampfendes Häufchen von Unentwegten. Verbissen denke ich mir: Ich mache dem Anderen Tirol keine Schande. Soll ganz Österreich sehen,dass mit uns nicht zu spaßen ist.

Von den Weingärten herüber driften die Gedanken. Sie kommen auf mich zu, sie überholen mich, lassen mich hinter sich und fliegen spöttelnd über mich hinweg. Sie ärgern sich mit mir, über mich, über das Ganze, über das kleine Häufchen, das noch tippelt. Oberösterreich hält mit mir Schritt. Will es wissen. Ich, das Andere Tirol, auch.


Warum ich Ihnen, verehrter Herr O, diese sagenhafte Geschichte nicht vorenthalten möchte: Weil ich just im Kreise dieser Unholden eine eigenartige Zeit verbrachte. Mit sieben weiteren Gebirgsazubis kroch ich um einundzwanzigdreißig missmutig ins Zelt. Am nächsten Morgen war mir, als hätte ich in einer Mülltonne überwintert. Es schien, als hätte das Stroh im Zelt des Geruch unserer körperlichen Ausdünstungen angenommen. Nur die Kälte verhinderte die Ausbreitung eines undefinierbaren Gestanks. Ich hatte die Nacht mehr wachend als schlafend in der Mitte des Zelts verbracht. Dies hatte mir zwar den Vorteil verschafft, im Halbschlaf nicht ständig abzurutschen. Niemand der gebirgserprobten Vorgesetzten hatte uns am Abend vor der grausamsten aller Nächte aufmerksam gemacht, dass es gefährlich sein könnte, das Zwölfmannzelt inmitten einer Geländemulde aufzustellen. Ich lag also in der kalten Lacke, mich fröstelte und ich wunderte mich in diesem Augenblick, dass trotz oder gerade wegen dieser erbärmichen Situation alles an mir steif war. Die Nacht über hatte es geregnet, dann geschneit und schließlich gegraupelt...

Veröffentlichungen:


Ignaz der Landstreicher, Österr. Kulturverlag 1986, ISBN 3-85395-4

Wie ein stille Löwe, Druck- und Verlagshaus Thaur 1997, ISBN 3-85400-037-5

Zusammenläuten: Textsaat, Kabinettsbibliothek im August von Goethe Literaturverlag, Frankfurt 2009, ISBN 978-3-8372-0534-3

Mit Verlaub Herr O, Vindobona Verlag München 2017, ISBN 978-3-946810-31-5


Beiträge in Anthologien:

Zwölf mal zwölf, Skarabäus 1998,

ISBN 3-7066-2178-9

Brachland, Skarabäus 2000,

ISBN 3-7066-2215-7

Da und dort, Skarabäus 2006,

ISBN-10: 3-7082-3207-0

ISBN-13: 978-3-7082-3207-2


Literaturpreise:

1981Literaturpreis zum Thema „Christentum und  Weltveränderung“ (Kreis für Kultur und Bildung Telfs, Tirol)

1988 Literaturpreis zum Thema „Literatur für Natur“ (Adolf Schärf-Fonds zur Förderung von Wissenschaft und Kunst, Wien)

2000Literaturpreis zum Thema "Die Berge reichen bis zum Himmel“ (Preis des Bundeskanzleramtes beim Christoph Zanon-Literaturwettbewerb der Lienzer Wandzeitung)

2001 und 2017: Gedicht-Wettbewerb  der Nationalbibliothek des deutsch-sprachigen Gedichtes, Aufnahme in die ausgewählten Werke, Band V und XX.





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