Literatur

Vorsicht! Lesen gefährdet die Dummheit!

Lyrik

Chaos


Das stumpfe Grau

verfüttert sich

aus mir

ins tote Nichts

verwandelt

reduziert

verschwendet mich

noch zögernd

tritt

vom Schmerz geblendet

es

aus dem hellen Tal

des Augenlichts


Errichtet mich

als Wahnbild

eines Kultaltars

erlöscht

verschattet

dunkelt siechend nach

drängt

hämatomisch

böse kriechend

mich

zum Spottbild

meiner nackten Farce


Und lauernd

schwillt es an

zu wüstem Groll

der geißelt

schlägt

und bricht hervor

legt Hand

ans letzte Licht

in mir

und hinterlässt

nur grauenvoll


das Chaos


Glückseligkeit


Vereinzelt

mischen Fackeln

mit dem Abendrot

das Spiel

der Zeit


Ich werde ihr

ein Schnippchen schlafen

den blenden weißen Zahn

lautlos entfernen

Strichmännchen

werde ich

im Halbschlaf

in den Schornstein kritzeln

arglos meine Unbescholtenheit

bewitzeln

Streitäxte werde ich

in leere Flaschen füllen

und begraben

über ihren Sterbebildchen

Tränen lachen

Mit dem Sandmann

werde ich

den Erdapfel befallen und

wie auch immer

mich mit Lust

ins Liebste krallen

Im Mosaik der Bäume

werde ich den Wald erkennen

einträchtig

mit der Oma übers Leben flennen

Dem Todfeind

werde ich

Barmherzigkeit

in seine Stiefel schieben

mit der Himmelstüre dann

ins Haus dort stolpern

weltmännisch noch einmal

Engelschürzen jagen

ebenda

Und endlich

unendlich

Glück

im Abendrot erahnen


Mein Spiel!


Die Zeit

Der Wind


Nachlässig

greift er Bäumen unters Laub

verlockt

verleitet sie

zu rauschender Schwatzhaftigkeit

verkehrt mit liederlichem

leichtem Staub und

findet altes Eisen konversationsbereit

streicht zwischen weichbemoosten Mauern

sanft hindurch und findet traulich Einlass

in verborg’ne Blößen

packt ausgewachsne Gräser

impulsiv

beim strohverwelkten Schopf

verdreht den Menschen

ab und zu den Kopf

bringt ungeschütztes Espenlaub

erwartungsvoll zum Zittern

lässt sich von feinfühliger Kreatur erwittern

rüttelt ungeduldig pralle Samenschoten

aus dem Schlaf

und gießt sie

tausendfach in weiches, willfähriges Land

verdorrt noch schnell

starrsinnig matt pulsierend Kraut

und schaut sich niemals um

flaut ab und zieht geschwind

in neues, unberührtes Land

der Wind

nicht immer nur ein himmlisch Kind


qual

voll trunken

knebelt Hiob

vorzeit

grau


unken

deuten stumm

die leere

lacht 


gespött

der macht

entsetzt

liebkosen

mädchen

mädchen

dort und jetzt


mut

vergilbt

beschämt

das morgen

blau


und nur

die ewigkeit

erklärt

und weint

seit eh


die zeit


Die gold’ne Brücke



Ziehet durch ziehet durch

ins wonnevolle weiche Land

zu beiden Ufern harrt Begehren

und Restbestände von Verstand


Widerstände sterben an den Beinen

tasten sich im Krebsgang

an den Rand der Konsequenz

vereinen schließlich arglos

Phantasie und Pulsfrequenz


Ziehet durch ziehet durch

und haltet die Balance

im rosaroten Flussbett sielt schon Vermessenheit

und lässt dem Umstand keine Chance


Deliziöser Balsam an den Pfeilerwänden

lässt’s nicht mehr damit bewenden

und vorgetäuschtes Phlegma mauert fett und schlau

die gold’ne Brücke ist im Bau


Ziehet durch ziehet durch

ins wonnevolle weiche Land

aus Steinerlein und Beinerlein

wird Edelstein und Elfenbein


Lava strömt und bindet Uf‘ an Ufer

die Bauherrn jubiliern verzückt

hört man befriedigt atemlose Rufer

das Bauwerk ist geglückt


Frühling



Die Sonne weckt diskret den stummen Bach

Einsilbig gluckst er seine Jungfernrede vor sich hin

Und stures Eis wird auf der milden Erde schwach

Frivole Knospen treiben Flieder und Jasmin


Wind und Wasser spielen wieder kindisch miteinander

Pfützen dampfen sonnenweiß auf wärmendem Asphalt

Geduldig zeichnen Wasserläufe winzige Mäander

Zerrinnt in Tränen aufgelöst des Winters theatralische Gestalt


Das Wetter bricht nun endlich und verbannt

Das altgewohnte Grauen aus der Abendzeit

In seine Kinderschuhe schlüpft das Land

Und bindet auf die Seele morgenrote Heiterkeit


Die Ballade vom Kunstwerk


Zwei Menschen

einstens unabhängig und allein

beschlossen eines Tags

nicht mehr allein zu sein,

Sie fügten sich zusammen

und fanden einen Rahmen

für das Lebensbild,

das sie begannen zu skizzieren

und mit Phantasie zu modellieren.


Doch eines Tags bestand der eine von den Zwei‘n

auf der Behauptung, dass tagaus tagein

es ihm allein obläge, dieses Bild zu malen

der andre tät damit nur prahlen.

Dem andern war’s nicht einerlei

ob dies ein Anspruch oder Vorwurf sei.

Er überließ dem einen die Palette

und ging danach getrost zu Bette.

Doch wehe, dieses war genau verkehrt

der eine sich fortissimo beschwert:

Du machst dir’s einfach und haust ab –

derweilen ich das Gfrette hab.

So übernahm der andre nun den Pinsel,

schuf seine eignen Farbgerinsel.

Doch wehe, dieses war genau verkehrt:

der eine nun den anderen belehrt:

Du machst nur Pfusch, ich sehe schon,

dein Bild besteht aus Tradi- wie auch Konfusion.

So geht das nicht! Lass wieder mich!

Dein Werk ist jämmer- sowie lächerlich.


So gehn die Jahre mühevoll einher,

der Pinsel wandert unablässig hin und her,

und malt und fließt und stellt sich quer

das Bild verstehen fällt schon schwer.


Und doch – ein Kunstwerk ist es allemal –

so groß auch Bürde waren, Last und Qual.

Die Kratzer, Kleckse, nicht zu übersehn -

die beiden Menschen damit auferstehn.

Der Schöpfer oben hält es prüfend in des Himmel’s Strahl

und brummt zufrieden: Keine Fälschung – Original!


Die Ballade vom Dilettanten



Es lebten einmal in einem fernen Land

ein Tagträumer, ein Schwarzmaler und ein Dilettant.

Die drei legten ihre Hände in den Schoß,

denn sie waren gerade arbeitslos.


Der Tagträumer saß nur in leeren Räumen,

ihm fehlte die Phantasie zum Träumen.

Dem Schwarzmaler ging die Farbe aus,

so blieb er den ganzen Tag zu Haus.


Der Dilettant aber begann unverhohlen

sein Selbstbewusstsein hervorzuholen.

Er schüttet es großzügig über’s Papier,

und fühlt sich als erhabener Künstler allhier.


Da kam eines Tags ein Professor vorbei,

der hatte natürlich den Rotstift dabei.

Und wie es die Wissenschaft fordert so eben,

korrigiert er den Weg, die Zeit und das Leben.


Er mustert das Bild, und lächelte mild

und sagte: Das ist nur ein Firmenschild!

Zückt seinen Rotstift und fährt über’s Blatt,

in der Meinung er zensuriert ein schlechtes Diktat.


Da lachte aus vollem Herzen der Dilettant

und zog den Professor noch weiter hinein ins Land.

Er legte ihm Tausende Bilder vor,

bis jener das letzte Quäntchen Geduld verlor.


„Siehst du mein Freund“, bemerkte der Dilettant,

„deine Geduld ist erschöpflich, und auch dein Verstand.

Mir scheint hingegen die Phantasie

vermehrt und vermehrt und erschöpft sich nie.“




Reiseberichte

Vis-a-vis von Mailand

Gedanken auf einer Reise durch Oberitalien

10. bis 14. Juli 2000


Erster Tag


Endlich kommt mir die Drau entgegen, das Warten hat ein Ende. Nach der Staatsgrenze wird sie mir den Buckel hinunterrinnen. Der Vorhang ist noch geschlossen, sein blindes Grau macht zögernd weißgelben Flecken Platz, das Ganze vom verschlafenen Firmament umgeben. In Innichen erhellt sich die Miene des Haunold, Schottertränen rinnen in die dunklen Wälder. Der Dom ruht noch immer auf festem Grund, er macht mich ernst. Das Publikum döst murmelnd aus den blanken Scheiben. Der schlafende Mönch hat einen Wolkenknebel um den Mund. Er schweigt beharrlich. Das Pustertal hat keine Beziehung, geduldig lass ich es über mich ergehen. Die Franzens-Feste erwacht, ihre winzigen Augen blinzeln verschlafen in der Morgensonne.

Bei Vahrn gesellen sich die Freunde aus dem nördlichen Tirol zu uns. Hier versteht man noch „Ein Gläschen Weißwein bitte!“ In Zeitlupe nähern sich die Weingärten des Etschtales, im Zeitraffer sausen sie vorbei, um wiederum in Zeitlupe im Hintergrund zu verschwinden.


In Verona trennen sich der Land- und Wasserweg. Die Etsch transportiert gelassen ihr Wasser durch die S-Schleife, schenkt es irgendwann und eigenhändig der Adria. Der im Jahre 380 verstorbene Bischof Zeno, ein Schwarzer aus Mauretanien, lächelt noch heute und beschützt die Stadt als Patron von oben. Wir bestaunen die Stadt vom Platz des Santuario Madonna del Lourdes. Lässig sitzt unsere eloquente Führerin Laura auf der Mauer und versucht, dem geschwätzigen Treiben mehrerer italienischer Schulklassen Paroli zu bieten. Das Publikum wird gefüttert mit Geschichte. Ich lasse mich auch füttern, aber ich bin wählerisch. Mache mir meinen eigenen Reim auf die Geschichte und die Gegenwart. Ich möchte unterscheiden zwischen dem, was Bedeutung hat für heute und die Zukunft und dem, was für immer verloren ist. In der von glänzendem Marmor dominierten Rundkirche denke ich: Der Geist ist nie verloren.

Was wäre Verona ohne seine Visitenkarte, das römische Amphitheater bei der Piazza Brà. Nur ein abgehärteter Sehenswürdigkeiten-Jäger kann diese Dimensionen ungerührt abhaken. Auf der von Menschen überfüllten Piazza delle Erbe, wo in alten Zeiten das römische Forum stand, herrscht reges Obst- und Gemüseleben, aber auch Souvenierläden machen diesen Platz zu einem spumantischen Ameisenhaufen, den sich heute Veroneser wie Touristen einvernehmlich teilen.

Nachdem wir über die freigelegten Reste des römischen Forums spaziert sind, muss ich natürlich meine Hand auch auf die linke, durch unzählige Berührungen abgegriffene Brust der zarten Julia im Innenhof der Casa di Giuletta legen. Und obwohl sie aus Bronze ist, kann ich mir ein gewisses Entzücken nicht verkneifen. Wie schnell ist das Herz des Menschen doch zufrieden.


Piazza Dante und dei Signori, Scaliger Palast und Palazzo della Ragione mit seiner wundervollen Renaissance-Fassade, die Hochgräber der Scaliger mit den aufwändig gearbeiteten Schmiedeeisengittern, all diese „sehenswürdigen“ Stätten reißen mich zwar nicht vom Hocker, aber dennoch einmal in eine andere, eine alte Welt, die ich nicht mehr nachvollziehen kann. Wieviel Aufhebens wird von einer Leiter im Wappen heute noch gemacht, wieviel Prunk und Selbstdarstellung haben die Zeiten überdauert! Was davon ist übriggeblieben als der lebensfrohe südländische Geist der Veroneser! Und es wird immer nur der Geist sein, der Geist eines Volkes, der überlebt. Tand Tand ist das Gebild von Menschenhand.


Heimreise


Ich verlasse das Stift mit seiner großartigen Basilika und für einige Augenblicke bin ich stolz, hier gewesen zu sein. Und für einige weitere Augenblicke bin ich traurig, weil ich dieses erhabene Bauwerk, das so viel gelassene Macht und Ruhe demonstriert, verlassen muss. Ungern verliere ich die beiden monumentalen Fenstertürme aus den Augen. Sie halten mich fest, halten meinen Blick gefangen, so als wollten sie in meinem kognitiven Kofferraum mitfahren. Schließlich siegt die Realität, aber wieder nur für Augenblicke. Ich habe teilgenommen, ich hab mir einen Teil genommen, mitgenommen. Nicht die Fenstertürme, aber etwas, was mir niemand nehmen kann: meine Gedanken, meine Phantasie. Und einen Teil dieser meiner Gedanken, meiner Phantasie habe ich hiergelassen. Kinder, Jugendliche, Schüler – wie man sie eher lieblos bezeichnet – haben mir zugehört und haben sich ihre Gedanken gemacht, über mich und den Landstreicher und die Phantasie und die Welt.

Ich fahre mit Mozart durch das spätherbstliche Oberinntal zurück nach Innsbruck. Sauber die Häuser dieser großen Kleinstadt, hochbetagte Geranien, reif die Landschaft.

Am Schönberg wecken mich Spruchbänder aus meinen Träumen: „Südtirol frei!“ Und ich höre den Hass und die Wehmut aus den so auf die geduldigen Mauern gepinselten Postulaten. Papier ist geduldig, Mauern sind geduldiger, man kann sie nicht in den Papierkorb schmeißen.

Ich sehe die Birken in den Herbst vorpreschen, der Föhn des Wipptals treibt mir ihre leichten, lasziv gefärbten Blätter an die Windschutzscheibe.

In Matrei esse ich zu Mittag in einem erfrischend bodenständigen Gasthof hausgemachte Fritatten, ein Naturschnitzel, das den Namen ‚Natur‘ verdient, und in einem euphorischen Anflug von Lebensglück denke ich mir, dass uns der Herr in Speis und Trank wohl eine der köstlichsten Vergnüglichkeiten geschenkt hat.

In Grieß die Schafe am Fußballplatz, ohne Ball, ohne Schiedsrichter. Die Tellerkappen am Brenner zeigen mir, dass ich Tirol verlasse und in ein anderes, sogenanntes fahre. Das mir jedoch auf eigenartige Weise nahe steht. Vielleicht deshalb, weil mein Vater immer gemeint hat, er wäre auch dort zuhause und wie kaum ein Außenstehender Südtirol geliebt hat. Jedenfalls jenen Teil Südtirols, der uns Osttiroler mit der besonderen völkischen Wesensart der Südtiroler verbindet.

Und ohne dass ich als Kind die Hintergründe durchschaut habe, ist ein Hauch dieses Unrechts in meinem Denken hängen geblieben.

Die nördlichsten Weinberge vor den Toren Brixens, abgeerntet, heimgeholt die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Apfelbäume noch voll und schwer. Allein das Wort ‚Apfel-Baum‘, das die Empfindung, den Geschmack des ersten Apfels auf meiner Zunge geweckt und eingeprägt hat für ein ganzes Leben. Gibt es eine köstlichere Frucht als einen heimatlichen, wurmstichigen Apfel? Mit seinen hochtrabenden Namen: Maschansker, Boskop, Kronprinz Rudolf, Gold Delicius, Kalterer.

Was für viele Insekten nach der Gärung des gefallenen Apfels einen fröhlichen Trunk bedeutet, kann für den Menschen doch auch nur recht und billig sein. In einem Sachbuch lese ich: „Schädlingsfraß kann ein früheres Loslösen vom Vater, Bruder, Mutter Baum erwirken...“ Warum muss ich hier an meine Jugend denken?

Das sonnige und doch so trübsinnige Pustertal zieht an mir vorbei. Zum wievielten Mal? Ich kenne die Perspektive der Berge und Hügel, ich kenne die Felder von der Straße aus, von der Bahn aus, ich kenne die ulkigen, an den Haaren einer krampfhaft vergewaltigten Wort-Phantasie herbeigezogenen Ortsnamen: Rio di Pusteria, Vandoies, Fortezza ...

Die Gegenwart eines alten Freundes, noch jenseits der Grenze bei den unzähligen Obst- Gemüse- Wein- und Ramschläden beruhigt mich. Jetzt ist es nicht mehr weit nach Hause. Wieder die Tellerkappen: „Hamma etwas...?“ Drei Flaschen hamma. Zwei sind frei und wegen der dritten lohnt der Aufwand nicht, also: abermals Grenzübertritt nach Tirol, in ein anderes, sogenanntes.

Durchs Osttiroler Pustertal begleitet mich wieder Mozart. 200 Jahre nach seinem Tod schäme ich mich für meine Zeitgenossen, die ihn in widerlicher Weise als Werbespot verheizen. Nicht, dass sie sich selbst die Kugel – nehmen sollten, das wäre zuviel verlangt. Aber aufhören mit dem Quatsch wäre schon angebracht. Vielleicht hat der Österreicher überhaupt den Hang dazu, bedeutende Persönlichkeiten eifersüchtig zu vermarkten und posthum, oder was natürlich schwieriger ist, solange sie noch leben, für sich arbeiten zu lassen.

Endlich die Unterführung bei Leisach, das Tor in die Stadt, das Tor in meine Heimat. Die Erde hat mich wieder.

(Dieser Beitrag wurde im ORF, Landesstudio Tirol, im Jahre 1988 nach dem Stamser Lesefest ausgestrahlt).


Apulien



Mittwoch, 12.07.2017

Unvermittelt und in gewissem Sinne mutterseelenallein sitze ich in der fahrenden Blechhütte mit den großen beschlagenen Scheiben. Es ist vier Uhr morgens. Nach einer so freundlichen wie herzlichen Begrüßung durch unseren franziskanischen Reiseleiter Pater Dr. Willibald Hopfgartner OFM erlischt schließlich das letzte Murmeln, nachdem uns ein Gebet für Augenblicke aus der Dunkelheit in den Himmel erhebt. Tröstliche Perspektiven überlassen alles Weitere unserem Schöpfer. Das schlaftrunkene Pustertal lässt uns unbeeindruckt passieren. Dunkles Grau wandelt sich allmählich in stumpfes Grün, schemenhaft drängen sich Bäume und Häuser an die Straße. Fahl stiehlt sich der sterbende Mond am Haunold vorbei. Um fünf nach neun biegen wir nach Bergamo ab. Diffuses Sonnenlicht fällt uns in den Rücken. In aller Stille hat sich die Kulisse verändert. Die Berge haben uns im Stich gelassen.

Obwohl ich sie kenne, überrascht mich diese absonderliche neue Welt immer wieder von Neuem. Menschen, Menschen, Menschen, wohin das Auge reicht. Und alle wollen irgendwohin. Und das möglichst schnell. Durch die Luft. Einchecken, Gepäckabwaage, Gepäckkontrolle. Mit dreizehn Kilogramm bleibe ich unter dem Limit. Die erste Hürde - geschafft. Schließlich zum Sicherheits-Check. Kleingeld in die Schale, Armbanduhr in die Schale, Gürtel in die Schale, Schlüssel in die Schale. Nun bin ich sicher. Und auch der Flughafen vor mir. Wenn die Security wüsste, was ich an Eindrücken alles mitgehen lasse, würden sie mich auf der Stelle verhaften. Unerlaubtes Aneignen von geistigem Eigentum! Ungebührliches Konsumieren eines fremdartigen Ambientes! Oder wie immer man das nennen will.

 

Geist, Seele und Körper überlasse ich beim Abheben getrost den Gesetzen der Aerodynamik. Und dem allgegenwärtigen Lotsen im Himmel.

Ich überfliege ein Land, ein ganzes Volk. Überfliege Landschaften, Berge, Felder, Fabriken, Seen, und vor allem Menschen in ihrem Alltag. Der eine oder andere wird einen Blick zu uns heraufwerfen, weil er das ferne Grummeln am Firmament hört. Vielleicht wird er einen winzigen Punkt ausmachen, der eine weiße Fahne hinter sich herzieht. Daraufhin wird er sich wieder seinem täglichen Geschäft widmen: Glücklich, zufrieden, verzweifelt, gleichgültig, satt oder hungrig. Die Menschen unter uns werden sich streiten, lieben, beschimpfen, verstehen, oder sich einfach ihrem alltäglichen Schicksal fügen. Selbst in zehntausend Metern Höhe sind mir fremde Menschen nicht fremd. Gedanken kennen keine Distanzen. Selbst Lichtgeschwindigkeiten bereiten Gott wohl nur ein mitleidiges Schmunzeln. Bevor ich an ihn denke, hat er an mich gedacht.

Siebenhundertsiebzig Kilometer weiter südlich und eine Stunde später öffnen sich  nach der Landung die Türen der riesenhaften Sardinenbüchse mit den zusammengenieteten Flügeln, die - Gott sei’s gedankt - gehalten haben. Mein erster Gedanke ist: Wie schnell kann sich eine Welt in eine andere verwandeln! Ein Hitzeschwall schlägt mir entgegen. In Bari blüht der Oleander wie bei uns im Anderen Tirol der Löwenzahn. Aber mit Vergleichen sollte man vorsichtig sein. Zu schnell verwechselt man Äpfel mit Zitronen. Im Hotel Parco dei Principi, einem vornehmen,  mit niveauvollem Marmor ausgestatteten Nobelschuppen, checken wir ein. Einen Augenblicklich lang komme ich mir vor wie ein weltgereister Snob. Vor Jahrzehnten hätte ich mir noch Vorwürfe über solch einen Luxus gemacht. Heute freue ich mich. Und ich denke, es ist die legitime Genugtuung eines Hinterwäldlers, der es – für ein paar Tage - in die große weite Welt geschafft hat. Diese Freude ist auch im Sinne Gottes, denke ich. Ich freue mich ja nicht so sehr über das, was ich (erreicht) habe, sondern vielmehr über das, was ich (geworden) bin. Ohne Überheblichkeit, ohne Stolz, einfach in demütiger Freude.

14.7.17

...Nach dieser eindrucksvollen Führung geht es zurück ins Hotel. Heute gibt es kein Abendessen. Nein. Auf der Terrasse draußen biegen sich die Tische von den unzähligen Buffets, die an Reichhaltigkeit und Vielfalt kaum zu überbieten sind. Es dampft und brodelt, es raucht und zischt. Dazu ein Glas Rotwein. Oder zwei? Oder – naja. Der Kellner verschüttet Rotwein auf meinem Platz. Ich schaue ihn vorwurfsvoll an und sage auf Deutsch: „Des hot oba a Nachspiel!“ und klopfe dabei anklagend auf den roten Fleck im blütenweißen Tischtuch.Obwohl ich innerlich schmunzeln muss, verrät meine Miene keine Nachsicht. Eine Situation, die ich in vierzig Jahren pädagogischer Praxis geübt habe. Ohne dass er versteht, was ich sage, versteht er, was ich sage. Den Rest des Abends verrechnet er mir keinen Wein mehr. Habe ich ihn geschockt? Das opulente Abendmahl begleitet schließlich eine Volkstanzgruppe aus Ostuni, die in einem Feuerwerk italienischen Temperaments ihr musikalisch-akrobatisches Können beweist: Ein Fest für alle Sinne! Dabei habe ich das Gefühl, dass sie nicht für uns, sondern für sich selbst tanzen. Danach zieht mich moderne Musik zur unteren Terrasse, wo ich von lieben Freunden noch zu einem Grand Marnier eingeladen werde. Um elf Uhr begebe ich mich mit der Überzeugung ins Bett, dass so ein Tag nicht zu toppen ist. Und ich hab noch immer kein Heimweh…

Essays

Turm am Monte Sant Angelo

Schilauf, alpin (m; -s; östr. für: Wirtschaftszweig)



Um Schilauf zu ermöglichen, schlägt eine Wintersportgemeinde zunächst eine Schneise, das heißt, es sind eigentlich deren zwei in den Gemeindewald. Eine schmale, dient sie ja einem eher lang gezogenen Fortbewegungsmechanismus, Seilbahn genannt, über die später noch zu sprechen sein wird. Sollte sich an der Stelle, an der Schilauf ermöglicht werden soll, kein Wald befinden, kann eine Gemeinde auf das Schlagen einer oder mehrerer Schneisen verzichten.

Die zweite Schneise schlägt man ordentlich und breit in den Wald, so breit und ordentlich, dass man mit Genugtuung vermerken kann, auch ungeübte Schiläufer seien imstande, jeweils vor dem seitlichen Ende der Schneise noch früh genug die Wende zu bewältigen, wobei natürlich die Frage offen bleibt, wieweit sicherlich weniger geübte Schiläufer einer Verbreiterung der Schneise das Wort reden würden, wortlos, trostlos, jedoch nachdrücklich, in einem desaströsen Stadium von Schiern, Armen, Beinen, Stöcken und Ästen und dem allzu heiß geliebten, oder in diesem Moment zu Tode verhassten kalten weißen Element.

Wenn also links kein Platz mehr ist, schwingen die Schiläufer wieder nach rechts. Dort angelangt, schwingen sie wieder nach links und so weiter. Manchmal schwingen sie auch schneller von links nach rechts, also auch ohne dass sie dem seitlichen Rand der Schneise zu nahe kommen. Wenn sie Lust haben, bleiben sie manchmal am Rande der Fahrbahn, der Schneise also stehen und schauen jenen zu, die völlig unerheblich und nachlässig nach unten schwingen. Sind jene dann vorbei, sausen auch die Beobachter wieder los und überholen mit nicht unverhohlenem Stolz diejenigen, die gerade sie überholt haben. So ist das ein dauerndes Auf und Ab, das heißt, eigentlich ist es nur ein Ab. Denn alle fahren nur hinunter, vielleicht zu sagen wie in einer Einbahn. Niemand kann hier gegen den Strom schwimmen, schwingen und nach oben fahren. Dafür gibt es ja die Seilbahnen, über die später noch zu sprechen sein wird.

Wenn ich vom Fahren als Fortbewegungsart spreche, so darf angemerkt werden, dass es sich ja eigentlich nicht um ein Fahren im klassischen Sinne handelt. Schi wird - wie der Name schon sagt -gelaufen und nicht gefahren. Sonst müsste es ja Schifahrt und nicht Schilauf heißen. Der Engländer umgeht diese Unsicherheit in der Diktion und spricht einfach vom skiing. Let’s go skiing! Gehen wir schien! Er nimmt sich also als einer, der mit dem Schilauf praktisch nichts am Hut hat, die Freiheit, das Laufen oder Fahren einfach wegzulassen und das Wort Schi in ein Verb umzuwandeln. Ich gehe schiien, du gehst schiien, er geht schiien und so weiter. Wäre sicher eine Vereinfachung. Aber so schnell lässt sich eine Wintersportnation ihre Ausdrucksweise natürlich nicht verfemen. Schon gar nicht, wenn es um den Wintersport geht. Zu viel stünde am Spiel. Ich laufe Schi. Ich humple Schi. Ich jage Schi. Ich fliege Schi. Ich renne Schi. Wie auch immer. Schi wird im Allgemeinen gelaufen. In Ausnahmefällen kann man vom Schiwandern sprechen.

Diese Ausnahmeform sei deshalb erwähnt, da sie von den Schiläufern mit einem gewissen Argwohn beobachtet wird, ja es gibt Schiläufer, die die Schiwanderer als nicht ganz richtig bezeichnen. Wohl deshalb, weil sich jene unter anderem erlauben, gegen die Fahrbahn Schi zu wandern. Sie sind also sozusagen Geisterwanderer, die sich gegen alle Gesetze der Schwerkraft und – wie mit entschiedenem Bedenken hinzugefügt werden darf – gegen jegliche Pistenverordnung hinwegsetzen möchten und sich gegen den Strom hinauf- und nicht wie vorgesehen hinunterbewegen. Für diese Hinauf-Richtung gibt es ja (aus)schließich die Seilbahnen, über die später noch zu sprechen sein wird.

Einmal ganz abgesehen von der eigenartigen Ausrüstung, die diese Schiwanderer benötigen: Wer kann schon mit Harscheisen etwas anfangen. Zu leicht überhört man auch das H am Beginn, wodurch nicht gerade eindeutige Assoziationen entstehen. Oder nehmen wir die Felle: Wozu außer für Bettvorleger braucht man schon Felle? Die Schiwanderer benützen sie jedenfalls mit wissenschaftlicher Akribie, pressen sie an die Unterseite der Schi an und die Industrie ist schlau genug, sich auf die Seite der Tierschützer zu stellen. Sie hat für diesen ganz besonderen Zweck schon vor Jahren mit der Produktion von Kunststofffellen begonnen. Diese Felle bewirken, dass der Schi nicht mehr nach hinten rutschen kann, was beim Aufwärtsgehen natürlich fatale Folgen nach sich ziehen würde.

Kein Vergnügen der Welt kann ein Vergnügen sein, wenn es nicht hin und wieder in einen Wettkampf mündet. So hat man die Schi-Rennen erfunden. Bei den Schi-Rennen geht es darum, möglichst schnell nach unten zu laufen. Dabei gibt es wieder zahlreiche Möglichkeiten, oder nennen wir das Kind beim Namen – Schi-kanen, diese von der Schwerkraft determinierte Fortbewegung nach unten durch in die Fahrbahn versenkte blaue und rote Stöcke, an denen blaue und rote Fahnen hängen, zu erschweren: Die Kunst ist nun, zwischen den Toren, wie man die Anordnung der Stöcke auch nennt, hindurch zu schwingen. Sicher keine leichte Aufgabe, geht es dabei immerhin um Sekunden, um Zehntel- ja Hundertstel-Sekunden. Diese Art der Abwärtsbewegung wird verharmlosend Torlauf oder Slalom genannt. Irgendwo auf der Strecke lassen die Schi-Rennläufer – wie sie sagen – ein paar Zehntel- oder Hundertstel Sekunden liegen, welche nach dem Rennen, auch durch noch so hartnäckige Analysen der Reporter nicht mehr auffindbar sind.

Weniger geübte Schifahrer bedürfen dieser Tore nicht. Sie suchen bzw. finden mit beharrlicher Zielstrebigkeit derartige Hindernisse in der Fahrbahn in Form von kleinen Bäumchen, vorstehenden Wurzeln oder mittelgroßen Steinen, die man beim Schlagen der Schneise entweder übersehen oder wegen ihrer zu vernachlässigenden Größe stehen oder liegen gelassen hat. Diese Hindernisse werden von den weniger geübten Schifahrern mehr oder weniger ungewollt anvisiert und oder übersehen, überfahren, oder was dem Sachverhalt wohl am nächsten kommt einfach überfallen. So ein Überfall zieht verständlicherweise immer wieder andere Schiläufer an, die sich aber nicht des überfallenen Bäumchens als vielmehr dem gefallenen Schiläufer widmen. Besorgte Zuschauer fragen den Verunglückten mitunter (wohl im Schock), ob er gestürzt sei. Dieser antwortet, wenn er dazu noch in der Lage ist, mit meist aufsteigendem bitterem Sarkasmus, nein, er wohne nur hier. Eine derartige Antwort lässt allerdings auf lediglich leichte Plessuren schließen. Der Gefallene hat jedenfalls in der Seilbahn, über die später noch zu sprechen sein wird, noch einmal Gelegenheit, Ursache und Wirkung seines Schifluges, wie so ein Vorfall in der oberflächlichen Umgangssprache bezeichnet wird, zu bedenken.

Aus "Brachland", Eine Osttiroler Anthologie, Herausgeber Uwe Ladstädter, Skarabaeus, 2000.


Überstürzt


Eine große Weltorganisation setzte sich in einer großen Weltstadt an einen großen Tisch, um zu beraten. Und zwar ging's darum, einen Konflikt zwischen zwei Bevölkerungsgruppen in einem kleinen Mitgliedsstaat zu lösen. Die beiden Gruppen hatten jahrzehntelang friedlich nebeneinander gelebt, und plötzlich begann die eine, mehr Land, mehr Rechte, und mehr Macht für sich zu reklamieren. Dies setzte sie mit zunehmender Waffengewalt durch, wobei tausende von Menschen umkamen.

Die Weltorganisation beratschlagte und beratschlagte.

Wir dürfen nichts überstürzen, sagten sie und stimmten gleich darüber ab. Alle waren dafür, dass man nichts überstürzen dürfe. Ein philantropisch veranlagtes Mitglied warf zaghaft ein: Aber wir müssen doch helfen! Wir sind immerhin eine Weltorganisation! Das Wort 'Weltorganisation' ließ einige Döser aufschrecken und sie hoben die Hand, noch ehe es zu einer Abstimmung kam. Verschämt zogen sie sie wieder zurück, als sie merkten, dass sie nur nicht bei der Sache gewesen waren. Da kam es zur Abstimmung. Die Hälfte der Beamten stimmte für eine Abstimmung über eine Ankündigung, dass diesem Land geholfen werde. Die andere Hälfte der Beamten enthielt sich der Stimme mit dem Hinweis, man dürfe nichts überstürzen. Dies sei immerhin auch Beschluss und könne nicht einfach überstimmt werden.

Der Vorsitzende, der eine Pattstellung heraufdämmern sah, ließ daraufhin darüber abstimmen, ob sie eine Weltorganisation seien. Alle stimmten dafür, und der Vorsitzende gab den Protokollführern mit nicht unverhohlenem Stolz einen Wink, dies zu protokollieren. Endlich hatte man wieder einen einhelligen Beschluss.

So wurde also beschlossen, beratschlagt, abgestimmt, tagelang, wochenlang, monatelang.

Sogar die Führer der Konfliktparteien wurden an den großen Tisch geladen, um mit zu beraten. Sie fühlten sich wohl, denn sie konnten immer, bevor sie abstimmten, darüber abstimmen, ob sie überhaupt abstimmen wollten.

Inzwischen floss das Blut in dem kleinen Land. Der Krieg war wie ein endloses Förderband, auf dem erfrorene, verhungerte, krepierte Menschen lagen. Schreiende Kinder, weinende Mütter, verzweifelte Menschen wurden via Fernseher in die Häuser und Wohnungen der ganzen Welt geliefert.

Da wurde es dem philantropischen Mitglied der Weltorganisation zu dumm. Der stille Mann holte aus seinem Pfeifentäschchen die Streichholzschachtel, ging zu den schweren Vorhängen des Saales und zündete sie an. Binnen Sekunden loderten die Flammen über die Wände hinauf. Die anderen Mitglieder der Weltorganisation erstarrten in ihren bequemen Sesseln, und wussten sich zunächst keinen Rat. Der Vorsitzende fasste sich als erster und rief: Schnell! Schnell! Die Feuerlöscher!

Da hob der philantropische Zündler die Hand und sagte: Wir haben beschlossen, nichts zu überstürzen. Also, was soll die Eile?

Das Feuer hatte bereits auf Aktenschränke übergegriffen und verursachte giftigen Qualm.

"Dann heben wir diesen saublöden Beschluss eben auf!" schrie der Vorsitzende mit sich überschlagender Stimme.

Ein Beschluss konnte jedoch nur einstimmig aufgehoben werden. Als nun der Vorsitzende in aller Eile darüber abstimmen ließ, ob der Beschluss, nichts zu überstürzen, aufgehoben werden solle, stimmte der Philantrop dagegen.

In letzter Verzweiflung fragte man ihn, warum er denn dagegen sei. Er antwortete, indem er sich mit einer Zeitung den beißenden Rauch vom Gesicht fächelte: Ich bin eben der Meinung, wir sollten nichts überstürzen.

Und so wäre die gesamte Crew beinahe verbrannt, hätte nicht der Hausmeister gegen seine Anweisung, wonach er vor jedem Einsatz vom Vorsitzenden die Bestätigung einzuholen hatte, dass nichts überstürzt werden darf, gehandelt.

Der Philantrop bemerkte, nachdem der Brand gelöscht war, zu seinen Kollegen: Seht ihr, das war nur ein Vorhang. Dort sind es tausende von Menschen.

Aber wie ich höre, beratschlagen sie heute noch. Meines Wissens über Möglichkeiten, wie man über überstürzte Abstimmungen abstimmen könnte, ohne dabei etwas zu überstürzen.   

Aus "Zusammenläuten", August von Goethe Literaturverlag, Frankfurt                     


Epigramme

Wenn dir dein Kopfweh Anlass zur Sünde gibt, dann reiß dir den Kopf ab und schmeiß ihn von dir. Denn es ist leichter, ohne Kopf ins Himmelreich einzugehen als mit Migräne.

 

Die größte Pein im Fegefeuer werden die Argumente sein, die uns bis dahin ausgegangen sind.

 

Man hat mein Gesicht in Scherben geschlagen. Durch die Ritzen sehe ich jetzt die Wirklichkeit.

 

Auf der Alm beim Sepp herrscht's Almrecht. Da hat der Sepp halt alm recht.

 

Recht haben müssen wollen ist hoch ansteckend.

 

Wer das Böse in der Welt nicht wahrnimmt, hat das Leben nicht erfasst.

 

 Wenn man einem dummen Menschen einen Spiegel vorhält, behauptet er lapidar, der Spiegel sei dumm.

 

Manchmal löst sich ein Problem auf eine Weise, die man so nicht erwartet hat, auf.

Es mit Gleichmut und Gelassenheit hinzunehmen, fällt zwar mitunter schwer, führt aber unweigerlich

zu erquicklicher Ruhe in der Seele.

Außerdem: Man kann Gott nicht überraschen, indem man in ein Problem auf bizarre Weise eingreift.

Der Schöpfer der Welt hat gewusst, wie die Sache läuft, bevor es das Problem je gab.

 

 

 

Gebets-Updates

Gebet zur Lust


Mein Herr

ich danke dir für Libido und Lust

die beiden sind doch angenehmer als der Frust

doch manches Mal schenkst du des Guten mir zuviel

erotisch-schwangeres Gedankenspiel

dann dank ich dir für das Ventil


Gebet nach einem Glücksfall

Herr Gott noch mal!

Gebet nach einem opulenten Mahl

Mein Herr mein Gott verzeih,

es war schon wieder Völlerei!

Gebet des Titelgeiers


Mein Herr

man hat mich immer ausgelacht

jetzt hab ich halt den Doktor gmacht.

Doch denk dir nur, es wird nicht besser,

obwohl - jetzt bin ich schon Professor.

Nun denn, so gibt’s denn nur mehr dieses eine Mittel:

Ich wart auf einen Ehrentitel.

Dann kann ich einmal vor dein Antlitz treten

und muss nicht mehr so fleißig beten.


Antwort des Herrn:


Mein lieber guter Titelgeier,

sag einfach du bist der Herr Meier.

Sei einfach Mensch und liebe deine Spötter!

Denn sieh: Wir wurden ohne Titel – Götter!


Unwuchtig läuft der Tag


Du lieber Gott

Unwuchtig läuft der Tag

Weiß Gott, weißt du, was er noch bringen mag.

Nichts von heute ist bequem

Alles, aber wirklich alles unangenehm!

Schräg, verhext und bitter

Verkörper ich von trauriger Gestalt

Den blöden Ritter.

Alles hat sich gegen mich verschworen,

zum allgemeinen Trottel bin ich auserkoren.


So sei so gut

Entweder stopp das Rad

Und gib ihm neuen Schwung.

Oder besser – mach

dass schnell der Abend naht

Und die Erleichterung.


Gebet um Gesprächskultur


Herr sag meiner Frau

wenn jemand spricht

dass man ihn doch nicht unterbricht.

Ich hab so viel mit ihr gesprochen,

sie hat mich immer unterbrochen.

So lehre lieber sie das Sprechen,

und mich dafür das Unterbrechen.

Amen.


Gebet eines Depressiven


Herr

ich sag’s ganz ungeniert

heut’ bin ich einfach deprimiert

selbst das erotisch-süße Fräulein Meier

seh’ ich durch einen grauen Schleier


So wandle bitte meine Depression

ganz einfach um in eine Illusion

sodass die monotone Leier

mündet abermals ins Fräulein Meier

wenn’s möglich ist

dann ohne Schleier

Amen                       



© Copyright. All Rights Reserved.